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Um die Bedeutung einer Seelenübung wirklich zu verstehen, ist es zunächst notwendig, sich der Frage zuzuwenden, was wir unter der menschlichen Seele überhaupt verstehen. Denn die Seele stellt – so die Grundannahme dieser Betrachtung – eine wesentliche Seinsexistenz des Menschen dar. Ohne eine klare Vorstellung von ihr bliebe jede Übung oberflächlich und ihrer eigentlichen Tiefe beraubt.
Dabei drängen sich zu Beginn mehrere grundlegende Fragen auf:
Was ist die menschliche Seele?
Ist sie lediglich identisch mit dem, was wir gemeinhin als Psyche bezeichnen?
Oder ist sie mehr als ein psychologisches Funktionssystem?
Gibt es überhaupt so etwas wie eine menschliche Seele – oder handelt es sich dabei um eine reine Glaubensfrage der Theologie oder um ein bloßes theoretisches Konstrukt der Psychologie?
Diese Fragen zeigen, dass der Seelenbegriff keineswegs eindeutig ist. Gerade deshalb ist eine sorgfältige Charakterisierung dessen, was hier unter „Seele“ verstanden wird, von zentraler Bedeutung. Würde man darauf verzichten, bestünde die Gefahr, dass die folgenden Übungen zwar äußerlich ausgeführt werden, ihr eigentlicher Sinngehalt jedoch nicht verstanden wird. Eine selbständige, verantwortungsvolle Praxis wäre dann kaum möglich.
Im Verständnis, das dieser Einführung zugrunde liegt, besteht die menschliche Seele aus drei grundlegenden Kräften:
dem Denken, dem Fühlen und dem Wollen.
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff der Seele häufig auf Gefühlszustände reduziert. Man spricht von seelischem Schmerz, seelischer Freude oder seelischer Verletzung. Das Denken hingegen wird oft dem Geist zugeordnet, während der Wille als Ausdruck körperlicher Triebe oder elementarer Impulse verstanden wird.
Dieses enge Verständnis greift jedoch zu kurz. Wird der Seelenbegriff so erweitert, dass Denken, Fühlen und Wollen gleichermaßen in ihm enthalten sind, eröffnet sich ein umfassenderes Bild des inneren Menschen. Die Seele erscheint dann als der lebendige Zusammenhang dieser drei Kräfte.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass eine Seelenübung weit mehr ist als eine bloße emotionale Erfahrung. Sie umfasst vielmehr drei gleichwertige Dimensionen:
erstens eine denkaktive Leistung, die Klarheit, Aufmerksamkeit und innere Ordnung verlangt;
zweitens eine empfindsame Innerlichkeit, die Offenheit, Wahrnehmungsfähigkeit und seelische Resonanz einschließt;
und drittens eine willentliche Disziplin, die Ausdauer, Selbstführung und bewusste Entscheidung erfordert.
Der Begriff „Seelenübung“ wurde daher ganz bewusst gewählt. Er bringt zum Ausdruck, dass Denken, Fühlen und Wollen nicht einseitig, sondern im gleichen und einheitlichen Maße geschult werden sollen. Ziel ist keine Überbetonung einzelner seelischer Bereiche, sondern eine ausgewogene Entwicklung des Menschen in seiner inneren Ganzheit.
In diesem Sinne ist die Seelenübung kein theoretisches Konzept, sondern ein praktischer Weg, der den Menschen befähigt, bewusster, freier und verantwortungsvoller mit sich selbst umzugehen.